opfer | livresque amitié

05 April 2017

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Hier erzählt eine Freundschaft von ihrer Liebe zu Worten, dem Schreiben und Büchern.

Wir suchen uns Bücher aus, die uns faszinieren und lesen diese dann gleichzeitig. Während und unmittelbar nach dem Lesen behalten wir unsere Gedanken nur bei uns und widmen sie einzig einem Notizbüchlein. Später tauschen wir dieses dann aus um an der Meinung der jeweils anderen teilzuhaben. Hier erfahren wir dann, ob wir das Gelesene gleich  empfanden oder ob es Differenzen in unseren Ansichten zum Buch gibt. In den folgenden Beiträgen dieser etwas anderen Buchbesprechung werden auch die Seiten unserer schwarzen Notizbüchern abgebildet, damit auch ihr als Aussenstehende zwei direkte Auffassungen von ein und demselben Buch zu lesen habt. Wir sind wahnsinnig gespannt auf dieses Experiment.


 
"Wir haben in einer Lügenwelt gelebt! Wir haben falsch gelebt! Wir haben uns eingebildet, dass es eine Gesellschaft gibt, eine Gemeinschaft, und jetzt zeigt sich, dass das alles in vierundzwanzig Stunden aufgelöst, aufgehoben und gestrichen werden kann! Wir Menschen wollen niemanden, wenn es ein Risiko beinhaltet. Es gibt keine Nächstenliebe oder Empathie! Es gibt nur Begierde und Egoismus! Und weil wir das nicht erkennen, geht es uns schlecht! (...) Gemeinschaft und Menschlichkeit - das alles haben die Erwachsenen uns eingeredet. Aber jetzt haben wir den Beweis! Wir sind hier eingesperrt und ich frage euch: Gibt es da draussen jemanden, der an uns denkt? NEIN!...so lautet das euphorische Zitat auf der Rückseite des Jugenbuchs 'Opfer', erschienen im Hanser Verlag, das Original in Dänisch unter dem Titel 'Skolen' verfasst und auf Deutsch von Friederike Buchinger übersetzt, für 13.90 Euro (D) erhältlich.



Anaïs:
Ich kann nicht sagen, ob dieses Buch eine tiefere Message hat. Ob es einfach skurriles Werk ist, das uns Lesern Nahe legen möchte, was mit Menschen in einer Notsituation passiert. Das 140 Seiten kurze Buch habe ich in nur einer Stunde durch gelesen. Benjamin ist die Hauptperson unserer Geschichte. Er ist der Sohn des Schulleiters und  wird an einem Tag ganz plötzlich mit der ganzen Schule eingesperrt. Sie sitzen in dem Gebäude fest. Abgeschottet von der Aussenwelt, kein Entfliehen ist möglich. Beim Lesen habe ich mir die ganze Zeit über nur die eine Frage gestellt: Was nun? Wieso passiert das? Es ist seine Quarantäne, die Schüler und Lehrer werden krank und sterben alle an den selben Symptomen. Das Buch zeigt, wie wir unseren Alltag immer wieder - egal in welchen Situationen versuchen aufrecht zu erhalten. Und dann brennt mit uns trotzdem irgendwann eine Sicherung durch. Auch wenn man irgendwo schon solche Hits mit einer tieferem Bedeutung erahnen können, kam mir der Roman (oder was auch immer dieses Buch ist) extrem skurril, verwirrend und verrückt vor. Und das nicht unbedingt nur im positiven Sinne. Bin gespannt, ob es längerfristig etwas in mir auslöst.



Mara:
Ein Buch mit einer unglaublich beklemmenden Thematik hat Jesper Wung-Sung mit 'Opfer' geschrieben. Er greift dabei auf Hemingways Iceberg Theory zurück und verwendet einen nüchternen Schreibstil, der kaum mehr sec sein könnte, für seine Geschichte. Damit fordert er ziemlich direkt ein, dass wir als Leser_innenschaft uns Fragen stellen und uns in die ein wenig weit hergeholte Situation hineinversetzten. Überfordert Jesper Wung-Sung mit 'Opfer' seine jugendliche Zielgruppe - das habe ich mich beim Lesen oft gefragt, denn unweigerlich wird man irgendwie in unbekanntes Gewässer geworfen. Wenn man nach Gründen für das im Buch Geschehende sucht, verfällt man schnell in Erklärungsnot. Man wird, ähnlich wie bei Kafkas Novelle 'die Verwandlung' einfach in ein Szenario geworfen und muss sich damit abfinden, ohne Antworten auf 'Wieso, Weshalb, Warum?' auszukommen. Aber eigentlich braucht man die auch gar nicht. Denn Jesper Wung-Sungs Fragen, oder die, die er bezwecken möchten, sind viel tiefer und existenzieller. Kein einfaches Buch und sicher ist die Umsetzung nicht völlig klischeehaft, dafür aber mal was anderes.



Kommentare
  1. oh was für eine wundervolle Idee mit den Notizbüchern!
    Ich schreibe meine Leseeindrücke auch gerne immer auf :)
    http://xoxoclaudia.blogspot.de/

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    1. Danke dir herzlich! Wie schön das zu hören, von Hand geschriebenes ist immer gleich so viel persönlicher! :)

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