ohrfeige | livresque amitié

19 April 2017

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Hier erzählt eine Freundschaft von ihrer Liebe zu Worten, dem Schreiben und Büchern.

Wir suchen uns Bücher aus, die uns faszinieren und lesen diese dann gleichzeitig. Während und unmittelbar nach dem Lesen behalten wir unsere Gedanken nur bei uns und widmen sie einzig einem Notizbüchlein. Später tauschen wir dieses dann aus um an der Meinung der jeweils anderen teilzuhaben. Hier erfahren wir dann, ob wir das Gelesene gleich  empfanden oder ob es Differenzen in unseren Ansichten zum Buch gibt. In den folgenden Beiträgen dieser etwas anderen Buchbesprechung werden auch die Seiten unserer schwarzen Notizbüchern abgebildet, damit auch ihr als Aussenstehende zwei direkte Auffassungen von ein und demselben Buch zu lesen habt. Wir sind wahnsinnig gespannt auf dieses Experiment.


Ein Flüchtling betritt die Ausländerbehörde, um ein letztes Mal seine zuständige Sachbearbeiterin aufzusuchen. Er ist wütend und hat nur einen Wunsch: dass ihm endlich jemand zuhört. Mit unverwechselbarer Stimme stellt Abbas Khider das Selbstverständnis einer offenen Gesellschaft in Frage. Als Karim drei Jahre zuvor von der Ladefläche eines Transporters ins Freie springt, glaubt er in Frankreich zu sein. Bis dorthin hat er für seine Flucht aus dem Irak bezahlt. In Wahrheit ist er mitten in der bayerischen Provinz gelandet. – Er kämpft sich durch Formulare und Asylunterkünfte bis er plötzlich seinen Widerruf erhält und abgeschoben werden soll. Jetzt steht er wieder ganz am Anfang. Dieser ebenso abgründige wie warmherzige Roman wirft eine der zentralen Fragen unserer Gegenwart auf: Was bedeutet es für einen Menschen, wenn er weder in der Heimat noch in der Fremde leben darf?




Mara

Es ist das Jahr, indem ich zu laufen begann, indem der Protagonist von Abbas Khiders Roman in Deutschland ankommt. Es ist das Jahr, indem der 11. September eine schwere Bedeutung zugeschrieben bekam und Karim Mensy, ebenjene Figur, seine Aufenthaltsbewilligung bekam - dies womöglich im Frühling, womöglich im Sommer, in jedem Fall aber vor diesem Attentat, welches für ihn besonders folgenschwer war. Seine Aufenthaltsbewilligung wurde Mensy entzogen, eine weitere illegale Flucht stand ihm also bevor. Jedoch verursachte die Ablehnung nicht sofort strategisches Planen von ihm, sondern vor allem selbstverständliches Unverständnis. Dies sollte jedoch die Seite wechseln. Und auch wenn seine Sachbearbeiterin ihm niemals zugehört hätte, erzählt er ihr hier seine Geschichte. Dabei ist Abbas Khider etwas besonders wichtig und vor allem auch gelungen: während Flüchtlinge oftmals namenlos, einer aus einer Masse, eine Zahl als ganzes oder einzelnes ist für die 'Einheimischen', wird einem von ihnen hier Identität und Individualität zurückgegeben, seine Sachbearbeiterin ist und bleibt jedoch geschickterweise anonym. Ob er ihr die Geschichte letztendlich wirklich erzählt, wissen wir nicht; denn so hart sie ist, hat er sich ihretwegen in den Drogenkonsum, in den Rausch geflohen. Eindringlich erzählt er dann von seinem Leben, welches so anders ist als das vieler Menschen, die im selben Kaff ansätzig sind. Er gibt auch seinen Mitgeflüchteten Lebendigkeit und Farbe zurück, und löst bei der Leser_innenschaft Mitgefühl und Verständnis aus. Interessante Aspekte kommen zum Zug, da Abbas Khider selbst Fluchterfahrung gemacht hat und so zielsicher formulieren vermag, wie sich das Verstecken in der Öffentlichkeit am Besten umsetzen lässt und spürt dabei scheinbar mühelos dem Rassismus unser alteingewohntes Strukturen auf. Im Buch scheint nichts halbherzig und Khider verschont uns zwar nicht, verschlimmert aber auch keine Details. So bekommt das Buch seinen ganz eigenen, konstanten Rhythmus, der nur manchmal von kursiv gesetzten, durch den Rau(s)ch vernebelten Gedanken und Gefühle aus der 'Zukunft' unterbrochen wird. Khider hat ein wichtiges Buch verfasst, was nichts auslässt, wenn es um das deutsche Asylwesen geht. Ausser vielleicht die Empathie der Behördenangestellten - moment mal, diese existiert ja auch nur ganz selten. Das Buch fungiert eben auch als Plädoyer, für das Zuhören und der daraus resultierenden Empathie. Ich bin sehr dankbar, dieses Buch erfahren haben zu dürfen.

Anaïs

Ich hätte mir keinen besseren Moment vorstellen können, um dieses Buch zu beenden: In der Badewanne an einem regnerischen Montagabend mit ruhiger Musik meiner Lieblingssänger im Hintergrund. Abbas Khider hat ein unglaubliches Buch geschrieben. Ohrfeige ist wohl eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe. Ich kann gar nicht recht beschreiben, was dieses Buch alles mit mir angestellt hat. Mein Horizont wurde aber definitiv erweitert. Es erzählt so viel Neues und so viel Altbekanntes. Es erzählt von einem Menschen, der dort, wo er war, nicht bleiben konnte und der da, wo er jetzt ist, keinen Weg findet ein neues und besseres  - oder überhaupt ein neues Leben zu finden. Er steckt in einer ewigen Sackgasse. Nichts scheint zu einem vernünftigen Ende zu führen. Die Tage sind gezählt. Die Zeit endet, obwohl sie in der neuen Heimat, wenn es dann je eine sein wird, noch gar nicht richtig begonnen hat. So hart, einfach und ohne jegliches Feingefühl schafft es Abbas Khider uns in seinen Worten gefangen zu nehmen und lässt uns einmal mehr unser privilegiertes Leben schätzen. Er bringt Schamgefühle in einem hervor. Ich schäme mich beinahe, dass ich aus gutem Haus komme. Dieses Buch ist so wichtig - alle Menschen sollen es lesen! Es spielt keine Rolle, dass es nicht direkt die jetzige Flüchtlingskrise anspricht, sondern diejenige um die 2000er Wende. Dieses Werk ist hoch aktuell, zeitlos und gerade schon ein Nachschlagewerk in Form eines Romans. Es sollte eine Schullektüre sein, aber nicht nur das: Es ist so viel mehr und soll so viel mehr noch sein. In diesem  eindringlichem Buch wird von einem Menschenleben erzählt, das so vielen Millionen Menschen gehören könnte - auch uns. Millionen von Menschen teilen das selbe Schicksal. Wahnsinnig eindrücklich. Nur schon der Aufbau der Geschichte - sie wird nämlich Frau Schulz von der Ausländerbehörde erzählt. Make love, not war.





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