das fieber | buchbesprechung

14 Dezember 2016

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Herbst 1918: Die Spanische Grippe hat Europa und weite Teile der USA bereits im Griff, aber für Cleo ist sie weit weg. Dann erreicht die Seuche auch ihre Heimatstadt, das öffentliche Leben kommt zum  Stillstand, die Zahl der Todesopfer wächst. Als das Rote Kreuz Freiwillige sucht, beschliesst Cleo zu helfen. Ohne Hannah, Kate und ohne Edmund, gestern noch Fremde, wären die folgenden beschwerlichen Wochen nicht zu ertragen. Doch wie lange werden sie verschont bleiben? 

Königskinder / 370 Seiten / Gebunden mit Schutzumschlag / "A Death-Struck Year", Englisch / Katharina Dilettiere



"In den folgenden Wochen sollte ich mir wünschen, vieles anders gemacht zu haben."


Dieses Buch beschäftigt sich hauptsächlich mit der essenziellen Frage, wann und warum man etwas Gutes tut. Und daraus leitet sich auch schnell die Frage, wer etwas Gutes tut. Und schlussendlich, warum nicht alle Gutes tun. In einem anderen Buch, welches Mara kurz darauf gelesen hat, gibt es ein Zitat, das sie sofort an 'Das Fieber' erinnert hat. Es gibt keine Belohnung. Man tut Gutes, weil es richtig ist, gut eben, ohne Dankbarkeit oder eine Belohnung zu erwarten. [Und in mir der unbesiegbare Sommer von Ruta Sepetys] Wir denken, das ist eines der Themen, bei denen man Schwarz-Weiss denken darf. Gutes soll man tun, und zwar immer, alles, was einem Gut tut, ist erlaubt, solange es niemand anderen verletzt. Schlechtes zu tun hingegen, da müssen wir gar nicht anfangen. Wenn man so darüber nachdenkt, scheint es plötzlich ganz leicht, Gutes zu tun, als wäre es nichts weiter. Vielleicht ist es das auch, meistens. Aber nicht in der Situation, in der Cleo, Hannah, Kate und Edmund sich befinden. Sie setzen ihr eigenes Leben auf Spiel, um Gutes zu tun. Sie stecken ihr Ego weg und beschliessen in dieser Notlage zu helfen. Gäbe es solche Menschen nicht, dann wäre dass für viele der Untergang gewesen. Aber unter anderem diese vier Personen haben sich dazu entschieden, zu helfen, und glaubt mir, ihre Geschichte zu lesen ist mehr als inspirierend. Wir fragen uns, wenn vier Menschen in dieser Situation so handeln, warum können dann nicht viertausend Menschen sich einen Tritt geben und abstimmen gehen, dass das Asylverfahren beschleunigt wird? Wir werden wohl niemals vor einer solchen Entscheidung stehen, ob wir hunderte Menschenleben retten wollen oder noch ein bisschen besser auf unseres aufpassen, aber wir stehen vor vielen kleinen Entscheidungen. Und dann ist es noch nicht mal so, dass wir unus dieser Entscheidung stellen, nein, meistens laufen wir einfach weg.

Abgesehen von diesem emotionalen Geplänkel möchten wir aber noch mehr zu diesem Buch sagen, denn es ist ein kleines grosses Meisterwerk, dass uns zutiefst berührt und vor allem beeindruckt hat. Makiia Luciers scharf gewählte Worte sind alle zusammen sanft und tragend, und wir können uns nicht entscheiden, ob sie sich bis zum Gewissen des Lesers durchschlängeln oder wie ein Pfeil dahin schiessen. Dabei sind wir uns ziemlich sicher, dass die Autorin es gar nicht auf unser Gewissen abgesehen hat, aber jedenfalls trifft das Buch  genau den richtigen Nerv. Es ist zum einen eine packende, rasante, fast schon atemlose Geschichte mit lauter stillen, in sich geschlossenen Momenten, zum anderen liest es sich wie eine Biographie einer starken, jungen Frau, die sich entschlossen hat, etwas aus ihrem Leben zu machen. Genau diese zwei Gegensätze faszinierten mich so, weil sie in keinstem Fall gewollt oder konstruiert wirkten, sondern einfach fliessen und selbstverständlich. Wenn Cleo eine ganze kranke Familie fand, wurde zwar klar, wie ausser sich sie war und in welcher Sekundenschnelle sie gehandelt haben musste, trotzdem fand die Situation in sich Ruhe und wirkte fast schon feierlich-friedlich, so makaber das nun auch klingen mag. Mit wenigen Worten hat die Autorin ganz starke Bilder und Gefühle in mir hinaufbeschwört. 
Und die spezielle Mischung, einerseits eine fantastische Erzählung, andererseits hat man das Gefühl, Zeuge eines ganzen Lebens zu werden, so dicht sind Cleos Gedanken. Wir lernten sie während des Lesens richtig kennen und fühlte uns ganz stark mit ihr verbunden. Wir wissen, dass wir während dem Lesen endlos viele Dinge wahnsinnig schätzten, und doch ist es nun sehr schwer, diese niederzuschreiben. Eigentlich lohnt es sich, ohne viel Vorwissen in das Buch zu starten, denn es ist ein ganzes Erlebnis, eine Erfahrung, die wir nicht mehr missen möchten. Makiia Lucier hat dieses Buch so elegant geschrieben, als wäre es in einer schwungvollen Handbewegung entstanden. Wobei das auch nicht dem Buch gerecht wird, denn man merkt, wie viele Gedanken, Hinterfragungen und Veränderung darinstecken. Aber alles verläuft so reibungslos ab, dass es eigentlich nur real sein kann.

Das Buch  rein in den Händen zu halten fühlt sich nach etwas ganz Besonderem an.  Das ist es auch. Das schlichte, dennoch  aufwändige Cover zeugt vom zeitlosen Geschmack und Stilverständnis Suse Kopps, welche das Buch gestaltet hat. Wir danken ihr dafür, dass ein solch tolles Buch auch von aussen einen ganz wunderbaren, eigenen Schein hat. Durch das kleine Format gewinnt das gebundene Buch nochmals. Es verleiht ihm etwas Intimes - man kann das Buch immer bei ich tragen, wie ein Geheimnis. Ich schätze, das Buch ist ein bisschen ein Geheimtipp, doch ich wünschte, dass wäre es nicht, denn es ist schlichtweg zu atemberaubend und würde bestimmt das Denken einiger Menschen positiv beeinflussen. Die Endpapiere, ein scheinbar einfacher Grauton, der sich beim Drüberstreichen nach so viel mehr anfühlt. So ist das ganze Buch, egal, von welchem Aspekt aus man es betrachtet. Etwas mehr, hochwertig. Ja, das war natürlich auch auf den Inhalt bezogen. Um noch ein letztes Mal zur Gestaltung zurückzukehren. Die Kapitelüberschriften. Der Bundsatz, der hat es mir vor allem angetan, die vielen Buchstaben auf dieser kleinen Seite, ein Traum. Und wenn man  dann den Schutzumschlag abnimmt, ich rate, das erst nach Beenden des Buches zu tun, kann man seine Augen an etwas Weiden, dass man mit einem ganz eigenen Verständnis ansieht, ein Muster, verknüpft mit der Geschichte und doch so sehr auf ästhetischer Schönheit beruhend. 

Alles an diesem Buch versetzt uns ins Schwärmen und uns gehen die komplimentierenden Worte aus, deswegen bitten wir euch, dieses Buch in die Hände zu nehmen, es aufmerksam zu betrachten und danach etwas miterleben, ganz offen, und Teil werden dieser harten, berührenden, inspirierenden Geschichte, die vielleicht auch bei euch einen Schalter im Kopf umlegt.



Kommentare
  1. Das ist mal wieder eine wundervolle Rezension!
    Ich habe besonders eure Gedanken dazu genossen. Ich finde, dass wir jederzeit die Chance haben, etwas Gutes zu tun und Menschen zu retten. Wir müssen nur den Mut dazu finden. Sachen wie: In meiner Nachbarschaft, gibt es niemanden, dem es wirklich schlecht geht, zählen nicht. Man muss einfach etwas größer denken. Es gibt sie auch heute noch, die Menschen, die ihr Leben für andere einsetzen. Menschen die als Ärzte in Ebola Gebiete reisen, Hilfsorganisationen gründen oder einfach in ihrer Freizeit Suppe verteilen. Es gibt Menschen, die auch in unserer Gesellschaft ihr Leben für andere einsetzen, seien es Ärzte, Hilfskräfte in Katastrophengebiete oder Feuerwehrmänner. Man muss ja nicht gleich die Welt retten oder sein Leben einsetzen, aber man kann wirklich überall etwas Gutes tun. Schon kleine Sachen, wie Suppe verteilen, können so viele Menschen glücklicher (und satt) machen.

    Ich liebe diese Bücher, die uns tief berühren und inspirieren können. Danke dass ihr das Buch vorgestellt habt.

    Liebe Grüße, Anja

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    1. Liebe Anja, was für ein lieber Kommentar! Danke viel Mals. Ja das gibt sie, diese Menschen, die grosse Wunder bewirken und alle ihre Kraft in das Leben anderer stecken und ihnen helfen wollen. Das Fieber ist wirklich und wahrhaftig ein sehr schönes Buch, das unglaublich dazu inspiriert etwas Gutes zu tun. Vielen lieben Dank und einen wunderschönen Abend wünschen wir Dir! <3

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