Sommer unter schwarzen Flügeln


Nuri und Calvin leben ganz nah beieinander - und sind sich doch unendlich fern. Sie ist mit ihrer Familie aus Syrien gefolhen und in einem Flüchtlingsheim untergekommen. Er ist Mitglied einer rechte Jugendgang, die Stimmung gegen die Asylbewerber macht. Doch ausgerechnet ihn sucht Nuri sich aus, um erstmals ihre Geschichte zu erzählen: von ihrem Heimatdorf am Rand der Wüste, von den ersten Unruhen und den Schwingen des Bösen, die sich schliesslich über das ganze Land legten. Je mehr Calvin über Nuri erfährt, desto mehr verliebt er sich in das seltsame Mädchen mit den dunklen Augen - und in das fremde Land, von dem sie erzählt. Doch diese Liebe ist gefährlich. Denn Calvins Freunde haben ihn zu ihrem neuen Anführer bestimmt. Und ihre Wut trifft nicht nur ihn, sondern auch Nuri...



Es ist wie ein modernes Romeo und Julia und klingt erstmal wahnsinnig banal: Nuri und Calvin dürfen sich nicht lieben. Schnell wird aber klar, dass dies nicht einfach gestrickt ist. Es sind nicht nur die unterschiedlichen politischen Auffassungen oder Status, aber auch nicht die verschiedenen Sprachen. Es kommt von viel tiefer und von dem Hintergrund. Ein Flüchtlingsmädchen und ein jugndlicher rechter Überzeugung, bereit, Gewalt einzusetzen, um seinem Ziel, das von ihm genannte 'Asylanten'heim von den Asylanten zu befreien.

Peer Martin trifft den Nagel auf den Kopf. Selten habe ich das brisante und aktuelle Thema für Jugendliche besser aufgearbeitet gelesen. Er schont uns nicht, nein, wir bekommen Einzelheiten mit. Normalerweise bin ich dafür, hierbei zurückhaltend zu sein und erstmal in den Hintergrund zu treten - schnell wirken Ausführungen wie diese 'sensationsgeil'. Aber auch hier überzeugt mich Peer Martin. Er weiss, wann er aufhört, und allgemein schreibt er kontrolliert. Und wunderschön. Es ist mir ein Rätsel, wie diese unterschiedlichen Stimmen, einmal Calvin seine, man spürt den bildungsfernen Hintergrund und seine brutalen Hobbys, die garantiert nicht Sprache gelten, raus. Und dann Nuri. Sie beschreibt in aller Ruhe ein Land, welches so schön und brutal zugleich ist, wie man es sich nicht vorstellen kann, bevor man von ihr liest.

"Weisst du... das ist genau die Sache mit den Syrern. Wir lachen zu gerne.
Auch über uns selbst. Die Assads haben ein Gefängnis aus dem Land gemacht,
aber ein Volk gefangen zu halten, das lacht, ist ein Ding der Unmöglichkeit."  
S E I T E   2 3 3 

Ausserdem konnte Peer Martin mich überzeugen. Denn Calvin verliebte sich nicht einfach in das fremde Mädchen, viel mehr verliebte er sich in ein fremdes Land. Sein anfängliches Traumdeutschland würde zu hundertprozent deutsch sein, es wäre wirklich Land, es gäbe Bauern, einfach und deutsch. So ähnlich ist Syrien, Land, Landschaft, die Menschen miteinander. Ein Fest, ein stilles Abkommen, wir sind alle Syrer. Er verliebt sich in dieses Land und mit Nuri kommt die Wanderlust, das Fernweh, welches ihn packt. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist er nie wirklich gereist, und hierbei merkt man, dass Peer Martin nicht nur ausführlich recherchiert hat, sondern einfach ein aussergewöhnliches Talent besitzt. So schafft er es, mich fast unvoreingenommen an diese rechte Jugendgang heranzuführen, mein Gewissen ist still und lässt sich  erstmal darauf ein, sie kennenzulernen.



Peer Martin verwendet ein Prinzip, welches mir erstmals mit Antonia Michaelis Märchenerzähler so positiv auffiel, eine erzählte Geschichte innerhalb der Geschichte. Die Geschichte, die wir lesen, ist so koordiniert und angeordnet, dass sie parallel verläuft zur erzählten Geschichte, so erleben beide gleichzeitig Höhe- und Tiefpunkte. Wieder finde ich auch diesen Fakt hier als sehr angenehm, da Peer Martin einfach ein unfassbares Talent hat, mich als Leserin an die Seiten zu fesseln. Seine Worte lullen mich ein und faszinieren mich. Denn er schafft noch eine Verbindung zwischen den zwei Spielorten Syrien und Deutschland. Die Gewalt. So schrecklich es auch klingen mag, so zart und feinfühlig wächst diese Liebe innerhalb einer Welt, die von Gewalt und Machtmissbrauch kaputt gemacht wird. Sie erinnerte mich während des Lesens an ein Gänseblümchen, welches sich durch den Strassenbeton hartnäckig erstreckt. Kitschig, aber wahr - positive Gefühle sind so viel stärker als Hass. Und gerade weil Peer Martin dies nicht auf eine stereotypische, allzu bekannte Weise bespricht, sondern originell, zeitlos und mit mehr Talent, als ich jemals erwartet hätte, zählt das Buch eindeutig zu meinen Jahreshighlights. Es ist superwichtig, dass mehr solche Romane veröffentlicht werden. Und dass nicht alles beschönigt wird, denn wie dieses Buch zeigt: Die Wahrheit tut weh, muss jedoch an die Öffentlichkeit gelangen. Und so ist das Buch nicht nur ein einzigartiges Lesevergnügen, sondern ein Zeitdokument, welches wir nicht mehr missen sollte, da Syrien, diese Kultur und der arabische Frühling in Syrien so präzise und voller typischen Gerüchen durchzogen beschrieben wird, wie selten bevor.

Peer Anders Martin wurde 1968 in Hannover geboren. Nach einem Studium der Sozialpädagogik arbeitete er mehrere Jahre mit Jugendlichen in Berlin, Brandenburg und Vorpommern, zuletzt auf der Insel Rügen. DIese Erfahrungen und die espräche mit einem syrischen Freund brachten ihn schliesslich dazu, seinen ersten Roman niederzuschreiben, der auf vielen langen Spaziergängen an den Stränden der Ostseeküste entstand, wo er die Geschichte zuerst der geduldigen Hündin Lola erzählte. Inzwischen lebt er mit seiner Frau, drei Kindern und Lola in Quebec.

Oetinger / 530 Seiten / Gebunden / 19.99 Euro [D] / Original Deutsch

Kommentare :

  1. Wow! Eine super emotionale und genial formulierte Rezension! Das Buch muss dich schwer begeistert haben. Du hast mich total mitgerissen, sodass ich mir gleich mal die Leseprobe runtergeladen habe! Bin ebenfalls der Meinung, dass solche Theman (vor allem bei der Jugend) mehr angesprochen werden sollte, da wir uns eben an diese Situation gewöhnen sollten. Wie heißt es so schön: Stillstand bedeutet Tod... Und so wandelt sich bei uns im Moment die Welt (in der Natur, wie im Gesellschaftlichen) und das ist ein Prozess, den man kennenlernen und annehmen sollte :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen, vielen Dank liebe Jana! Ich freue mich sehr über Deine Gedanken und dass meine Rezension Dir gefallen hat! Ich bin gespannt, was Du zur Leseprobe sagst, ich hoffe natürlich sehr, dass sie Dir zusagt. In deinen weiteren Punkten stimme ich Dir zu. Man muss sich nicht für alles interessieren, aber bis zu einem gewissen Grad auch auseinandersetzen, denn was passiert, ist Teil unserer Welt und somit unseren Lebens.

      Herzlichst,
      Mara

      Löschen
  2. Huhu liebe Mara :)

    Ich hab dir ja schon eröffnet, dass ich noch ein bisschen skeptisch bin, ob ich dieses Buch lesen sollte. Zu sehr schreit es nach Klischee, nach banaler Liebesgeschichte. Trotzdem muss ich sagen, dass deine Rezension mich dazu bewegen möchte, dem Buch eine Chance zu geben. Ich habe mir mal ein paar Zitate durchgelesen, und wurde sofort von Heimweh gepackt, Heimweh nach meiner muslimischen Gastfamilie und Syrien, ein Land, in dem ich gerade mal eine halbe Stunde war, aber welches ich so gerne kennengelernt hätte, wie es wirklich war...ohne Gewehrschüsse, die meine Hintergrundmusik ausmachten. Dennoch habe ich Angst, dass ich von diesem Buch die falschen Dinge erwarte, das ich eine Geschichte über sein verschiedene Menschen erwarte, und eben keine Liebesgeschichte. Ach man, hätte er doch nur über eine Freundschaft geschrieben, dann wäre das Buch sofort bestellt worden. Ich hoffe du verstehst meinen Zweifel :/ Nichtsdestotrotz landet das Buch auf meiner Wunschliste weiter oben, denn seien wir mal ehrlich: Du hattest mich schon, als du von Fernweh und "verliebt sich in ein fremdes Land" gesprochen hast. Eine sehr schöne Rezension! Sehr schön, dass es endlich mal Jugendbücher gibt, deren Thematik mich fasziniert und interessiert.

    Danke für deine Meinung!
    Kücki ♥

    P.S: Ist Nuri eigentlich religiös bzw. spielt das eine wichtige Rolle? :) Und aus welchen Teil Syriens stammt sie? (nur so aus Interesse :D)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Kücki,

      das hast Du. Trotzdem gebe ich alles, um Dir das Buch ans Herzen zu legen. Es berührte mich einfach so. Ich weiss ja, wie Du zu Liebesgeschichten stehst. Natürlich gibt es immer wieder Aspekte an Büchern, die mir nicht zusagen. Aber manchmal bin ich dann auch bereit, für einen grandiosen Schreibstil eine etwas banale Geschichte hinzunehmen. Und in dem Buch fand ich das Thema der Liebe nicht omnipräsent, sondern fein auf- und ausgearbeitet, sehr sensibel. Natürlich verstehe ich meine Zweifel, aber manchmal muss man einfach probieren, haha. :D

      Das freut mich sehr! Ja, ich finde auch sehr schön, wie Calvins Entscheidungen begründet werden und wie sehr man zwischen den Zeilen lesen kann. Danke, ich freue mich sehr, dass meine Rezension Dich ein klein wenig umstimmen konnte.

      Nuri ist religiös und stammt ursprünglich aus Dara, also dem Ort, an dem der arabische Frühling in Syrien entbrannte. Sie haben aber immer wieder woanders gelebt. Die Religion spielt aber keine grosse Rolle, wird selten erwähnt und ich bin sehr gerührt, wie der Autor mit ihr umging, sie einerseits mied und doch ihre Rolle anerkannte.

      Herzlichst,
      Mara

      Löschen
  3. Hey,
    ich bin ganz begeistert von deinen Worten und muss mich jetzt selber auch mal genauer mit der Geschichte auseinandersetzen. :)
    glg, Nicca von kosmeticca.blogspot.com

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Nicca,
      das freut mich sehr! Ich wünsche Dir ganz viel Spass mit dem Buch und hoffe, es gefällt Dir genauso sehr wie mir!

      Herzlichst,
      Mara

      Löschen

Wir lieben Kommentare - Rückmeldungen, konstruktive Kritik und natürlich auch Lob.
Allerdings wird Spam und anderes sofort von uns gelöscht!