terror

22 Februar 2016

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Ich bin mir sicher, dass ich nicht die einzige bin, die für sich manchmal dachte: Darf man ein Menschenleben für eine weitaus höhere Summe an Leben 'opfern'? Und wie verhält man sich zur Frage, wenn man plötzlich nicht nur in der Entscheidungsposition, sondern ebenfalls in der Ausführungsposition steht? 



Terror von Ferdinand von Schirach behandelt eigentlich genau diese Frage, schiebt sie zuerst vor sich hin und zerrt sie dann in  einen Kontext. Das Theaterstück bindet das Publikum direkt mit ein: Wir sind die Schöffeln, die über Freispruch oder Verurteilung entscheiden dürfen, wir haben das Schicksal von Lars Koch in der Hand. Dieser Mann hat nämlich in Zeiten des Terrors einen solchen Anschlag abgewendet, indem er verfassungswidrig ein Flugzeug mit 164 unschuldigen Insassen abschoss, welches entführt wurde und von dem Terroristen Richtung Fussballstadion flog, wo es abstürzen und 70'000 Menschen, ebenso unschuldig, umbringen würde. Lars Koch hat gehandelt, Lars Koch hat gestanden und Lars Koch sagt vor uns, dass er jederzeit nochmals zur gleichen Tat bereit wäre, wodurch  er zumindest von mir Respekt einholt.

Ferdinand von Schirach bringt uns in eine unangenehme Lage, fast so unangenehm wie die Frage, ob man Menschenleben gegen Menschenleben aufwiegen kann. Denn wir müssen richten über einen Menschen, der tatsächlich vor dieser Frage stand und sich entschieden hat - und diese Entscheidung entspricht weder Auftrag noch Gesetz (hierbei muss ich hinzufügen, dass die Verfassung sich je nach Land unterscheidet und in der Schweiz dafür natürlich grundsätzlich etwas anderes gilt), was eigentlich  ein klarer Fall ist. Für unsere Entscheidung dürfen wir uns zwei bedeutende Reden anhören. Die der Staatsanwältin und die des Verteidigers. Tatsächlich wiegen wir auch hier etwas gegeneinander ab, ihre unterschiedlichen Meinungen. Beide holen sie aus und nehmen Bezug auf Künstler, die sich in ihren Werken zu ebendieser Frage annehmen. Sie sprechen über die Würde des Menschens und nennen Zahlen, unter anderem die der Bedeutung eines Menschenlebens - nämlich Unendlich. Das Unangenehme bleibt, Fragen werden gestellt und nicht immer beantwortet. Und es wird auf Details aufmerksam gemacht, welche ich nicht erkannt habe. Ferdinand von Schirach hat nichts ausgelassen, sondern verleiht all seinen Figuren eine präzise Sprache und verfasst ein knappes Buch, welches es in sich hat - und neben diesem 'es', was so ziemlich alles umfasst, auch noch eine Rede zur Preisverleihung für Charlie Hebdo als kleines Extra (bei welcher mich aber das wiederholte, aufmerksamkeitsheischende und bedeutungsschwangere '...meine verehrten Damen und Herren' störte - den Rest habe ich liebend gerne gelesen und erfahren).


Ein aktuelles Theaterstück, welches wie sein Titel und sein Cover einschlägt. Es braucht nicht viel Worte, jedenfalls nicht viele, die ausgesprochen werden müssen. Nein, es braucht nur wenig. Und in einer knappen Präzision ein solch tolles Werk zu schaffen ist wohl einzigartig und bewundernswert. 'Terror' könnte im hier und jetzt spielen, denn selten habe ich sowas zufällig Aktuelles und leider vielleicht auch Zeitloses gelesen, was in der Gegenwart verfasst wurde. Selbst widmet sich der Autor auch noch an uns Leserinnen und Leser, teilt uns folgendes mit.

Das Theaterstück schrieb ich vor dem Anschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo, bevor dort 17 Menschen ermordet wurden. Die Rede zur Preisverleihung für ebendiese Zeitung hiielt ich vor den Anschlägen in Paris vom 13. November 2015.
Im Theaterstück rechtfertigt der Verteidiger das Töten damit, dass wir uns im Krieg befänden, und jetzt sprechen Politiker tatsächlich von Krieg. In der Rede stand, die radikalen Kräfte würden nun Zulauf erhalten, und jetzt verändert sich die Stimmung in unserem Land tatsächlich rasend schnell. Das alles erschreckt mich zutiefst.
Es wird weitere Anschläge geben,, weitere Morde, weiteren Schmerz. Und es wird schlimmer werden. Aber ich glaube an den gelassenen Geist unserer Verfassung, an ihre souveräne Toleranz und ihr freundliches Menschenbild. Es gibt keine Alternative, wenn wir als freie Gesellschaft überleben wollen. - F E R D I N A N D   V O N   S C H I R A C H


Das Buch hat zwei Enden, welche unsere Entscheidung abschliessend nochmals mit den mittlerweile vertraut-knappen Worten belegt. Offensichtlich liegt die Entscheidung und somit der Ausgang dieser Geschichte, welche sich auch so in der Realität abspielen könnte, in unserer Hand. Aber vielmehr glaube ich auch, dass Ferdinand von Schirach mit diesem Kniff und symbolisch die Stimme überlassen hat. Oder unsere Gedanken. Wir können nun mit diesem Theaterstück machen was wir wollen, mit dieser Frage. Ich weiss nicht, ob es diese Frage ist, die, die ich anfangs dieses Beitrags stellte. Ich  vermute mal nicht. Aber Ferdinand von Schirach stellt viele Fragen im Verlauf dieses Buches und überlässt es uns, unsere Antwort zu suchen. Ich glaube gar nicht, dass seine Fragen unbedingt in diesen Kontext gehören, in welchem wir sie erfahren. Vielmehr sind es Fragen, welche sich gemeinsam mit unserer Antwort auf unser tägliches Handeln und Tun beziehen - egal, ob diese nun eben so alltäglich sind oder nicht. 

Ich danke herzlichst dem Piper-Verlag für dieses Buch.

Terror von Ferdinand von Schirach
Piper / Gebunden / 165 Seiten / 16,00 Euro [D]
Kommentare
  1. Ein sehr ehrlicher Erfahrungsbericht, der mich (mal wieder) zum Nachdenken gebracht hat.
    Ich finde es wirklich bewunderswert, dass du auch die Bücher liest, die von den Leuten, die einfach mit dem Strom schwimmen und die "typischen Bücher" lesen, nicht gelesen werden. Ich finde deinen Lesegeschmack wirklich toll und du bist mir ein großes Vorbild darin. Kaum dass ich die ersten Zeilen dieses Beitrags gelesen hatte, wollte ich das Buch auch lesen. Danke, liebe Mara.

    Liebe Grüße, Michelle ☼♥

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    1. Liebe Michelle,

      das macht mich sehr glücklich - vielen, vielen Dank für all Deine tollen Kommentare, die mich immer wieder inspirieren und vor allem motivieren, ich freue mich unendlich, Dich zu meinen Leserinnen hinzuzählen zu dürfen! Danke Dir also, ich hoffe, das Buch wird dich umhauen!

      Herzlichst,
      Mara

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  2. Huhu meine liebe Mara ♥

    Ach ich bin immer wieder aufs neue verwundert, wenn ich deinen zauberhaften Blog besuche, wie aus so einem zarten Menschen wie dir, so gewaltige Worte kommen können! Deine Rezension hat mir unglaublich gut gefallen und gerade weil du so "anders" schreibst, macht mir das Lesen deiner Beiträge Spaß. Bleib so zauberhaft, so anders und so aufmerksam wie du bist meine liebe Mara ♥ 'Terror' wandert natürlich sofort auf meine Wunschliste!

    Alels Liebe,
    Jasi ♥

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    1. Liebeliebe Jasi,

      danke für ALL deine Worte, welche mich so inspirieren und motivieren, danke HERZLICHST. Das freut mich unendlich, wirklich - du bitte auch. Ich hoffe, Terror wird auch Dir gefallen!

      Herzlichst,
      Mara

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  3. Liebe Mara, du hast mir ja bereits persönlich von diesem sehr sehr spannendem Buch erzählt und in der letzten Woche bin ich auch noch viel glücklicher über Theaterstücke und das Aufführen dieser. Terror gehört auf jeden Fall auf meine Leseliste. Alles Liebe und ich freue mich auf morgen! A.

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    1. Das freut mich unheimlich, ich wünsche DIr noch vielviel mehr Spass und endlos-glückliche Momente! <3

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